7 Fragen an Landrat Sven Herzberger Mitglied unseres Präsidiums

Harald-Albert Swik HAS): Herr Herzberger, wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Roten Kreuz in Kontakt gekommen?
Sven Herzberger (SH): Es war bei mir kein erster Kontakt, sondern ein erstes Hören vom Roten Kreuz: als kleiner Junge hörte ich im Radio von Suchmeldungen des Roten Kreuzes. Da wurden vom DRK-Suchdienst Menschen per Radiosendung – Westradio! – gesucht. Diese Sendungen fand ich interessant, auch wenn ich die Lösung dieser Suchen nie erfuhr. – Dann natürlich beim Führerschein: der „Rotkreuz-Schein“, also die erfolgreiche Teilnahmebescheinigung der Ersten Hilfe vor der Führerscheinprüfung. Und dann in der deutschen Botschaft in Budapest in Ungarn 1989, wo wir von Rotkreuzhelfern verpflegt wurden.

HAS: Sie waren 1989 in der deutschen Botschaft in Ungarn? Als DDR-Flüchtling?
SH: Ja, das war eine richtig geplante Angelegenheit. Ich war damals gerade fertig mit meiner Lehrerausbildung und hatte im September 1989 erste Negativerfahrungen an meiner ersten Schule gemacht. Es war damals eine unruhige Zeit. Das „System“ wankte. In der UdSSR war Michael Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika unterwegs und bei uns in der DDR wurde der Bezug der Zeitschrift Sputnik verboten. Die staatlichen Stellen – auch an meiner Schule – reagierten sehr unsicher und bei mir überzogen. Deshalb plante ich mit einer guten Freundin die Flucht. Aber die Behörden genehmigten bereits nur noch Auslandsreisen nach intensiver Vorprüfung. Wir planten eine Urlaubsreise nach Bulgarien, kauften auch die Bahntickets für Bulgarien hin und zurück – wollten aber nur bis Budapest. Das taten wir dann auch.

HAS: Und wie war es in der deutschen Botschaft in Budapest? Waren bereits viele DDR-Bürger da?
SH: Ja, es war bereits viel los. Aber wir blieben nicht lange. Als ein anderer DDR-Bürger mit dem Auto zur Botschaft angereist war und danach weiterfahren wollte zur österreichischen Grenze, hatten wir das Glück und konnten mit ihm mitfahren. Die ungarische Grenze nach Österreich war bereits durchlässig. Die ungarischen Grenzbeamten ließen uns ausreisen, und wir wurden von den österreichischen Grenzbeamten in eine kleine Turnhalle gebracht. Dort wurde ich dann am nächsten Tag vom Österreichischen Roten Kreuz mit meiner ersten Westkleidung ausgestattet. Dann ging es weiter nach Deggendorf in Bayern und dann weiter nach Gießen, wo eine endgültige Verteilung vorgenommen wurde.

HAS: Da waren Sie aber in Hessen …
SH: … ja, aber ich wollte natürlich nach West-Berlin, man sagte mir jedoch, dass dort keine Aufnahme mehr erfolge – und hat mich nach Knüllwald-Wallenstein im Schwalm-Eder-Kreis geschickt. Das liegt im hessischen Zonenrandgebiet mit der Kreisstadt Homberg/Efze und ist ein sehr kleiner Ort. Ich konnte mich dort sehr schnell eingewöhnen. In Homberg konnte ich beim Ehepaar Wagner – sie hatte einen Innenausstattungsgeschäft und er einen Pizza-Verkauf – mir etwas Geld verdienen. Wir verstanden uns sehr gut.

HAS: Wie wurden Sie in Knüllwald-Wallenstein in Hessen aufgenommen?
SH: Sehr freundlich und sehr entgegenkommend. Ich war gefühlt der erste Ossi dort. – Und bei allen im Fernsehen Tag für Tag übertragenen Ereignissen aus der DDR wurde ich immer als der „Fachmann für DDR-Dinge“ angesehen. Man wollte von mir wissen, was denn Honecker für ein Mensch war oder auch Hans Modrow. Dabei kannte ich diese Politiker doch auch nicht persönlich und nur aus dem Fernsehen. Aber wenn ich als vermeintlicher „Insider“ dann etwas bestätigt oder erklärt habe, wurde daran nicht mehr gezweifelt. [Herr Herzberger schmunzelt bei dieser Erinnerung!]

HAS: … Wie ging es dann weiter?
SH: Als ich den Mauerfall, also die Öffnung der Berliner Mauer, live im Fernsehen sah, kamen mir die Tränen und ich bin auf die Straße rausgelaufen und hab‘ eine wildfremde Frau umarmt und gerufen „die Mauer ist auf!“ und Freudentränen liefen mir übers Gesicht. Die Dame hat mich etwas befremdlich angesehen, konnte damit ja gar nichts anfangen, hat aber auch nicht geschimpft oder so. Tja, und dann bin ich einige Zeit später – 1990 – wieder nach Berlin aufgebrochen – und so wieder hier in die Region zurückgekommen. – Und immer in dieser ganzen Zeit habe ich das Rote Kreuz überall als helfend, gebend und „Sie sind da“-Organisation erlebt und gesehen. Diese Sichtbarkeit vermisse ich hier in meiner direkten Umgebung ein bisschen, sowohl in meinem Wohnort in Zeuthen – obwohl es dort sogar eine DRK-Hauskrankenpflege gibt –, als auch in weiten Bereichen unseres Landkreises Dahme-Spreewald.

HAS: Und deshalb sind Sie nun im Präsidium?
SH: Ja, das ist mit ein Grund: Ich möchte, dass das DRK vor Ort sichtbarer wird. Da glaube ich – auch wenn ich mich natürlich noch nicht so detailtief auskenne – kann noch einiges gemacht werden. Da will ich helfen. Denn so eine Organisation wie das Rote Kreuz ist wie ein Rettungsanker, die muss einfach vorhanden sein. Und die Menschen müssen wissen, wo sie es finden können. Auch um da einfach mitmachen zu können.

HAS: Das klingt ja wie Begeisterung?
SH: Da ist auch Begeisterung dabei. Wenn ich – auch auf unserer Klausurtagung – gehört habe, wie konsequent das Rote Kreuz seine Grundsätze lebt und leben will. Das fasziniert doch! Die Rotkreuz-Geschichte ist doch eine Erfolgsgeschichte: Wir helfen jedem nach dem Maß seiner Not. Das ist doch eine tolle Botschaft! Und wenn sie gelebt wird, wie ich es selber erlebt habe – auch grenzüberschreitend – dann muss man diese Organisation und diese Botschaft doch auch sichtbar machen. Das sollte doch jeder Mensch wissen!

HAS: Herr Herzberger, vielen Dank für das Interview.

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