Harald-Albert Swik (HAS):Herr Hörl, Sie sind seit Januar 2026 der neue Vorstandsvorsitzende des DRK-Landesverbands Brandenburg. Was ist Ihnen in der Landesgeschäftsstelle in Ihrer ersten Woche positiv aufgefallen?
Christian Hörl (CH): Meine erste Woche in Potsdam fiel mit dem massiven Stromausfall im Südwesten Berlins zusammen – und ich merkte: Wir sind in Sachen Krisenmanagement in der Landesgeschäftsstelle gut aufgestellt. Wir standen ab der ersten Stunde der Krise zur Unterstützung des Landesverbandes Berliner Rotes Kreuz bereit.
Dann gab es die anspruchsvollen Verhandlungen mit den Krankenkassen zur Vergütung der Fahrdienste von Krankenfahrten – und ich konnte feststellen: Es gibt eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen den betroffenen Kreisverbänden und darüber hinaus zwischen den betroffenen Hilfsorganisationen und dem Taxi- und Mietwagenverband im Land Brandenburg. Das zeigte: Im entscheidenden Moment können alle gut abgeholt werden – auch dank einer fachlich gut aufgestellten Mitarbeiterschaft in der Landesgeschäftsstelle.
HAS: Sie kamen im Januar direkt aus einer jahrelangen erfolgreichen Arbeit im DRK-Generalsekretariat. Warum gingen Sie dann in die „Niederung“ eines Landesverbands?
CH: Nach fast 25 Jahren im DRK-Generalsekretariat kam mir mit Anfang 50 die Frage: Warum nicht Mal etwas Neues wagen? Ich bin am 1. April 1986 ins Jugendrotkreuz eingetreten, war dann 17 Jahre lang Ehrenamtlicher im DRK, bis ich 2003 im Generalsekretariat meine hauptamtliche Arbeit in diesem Verband begann. Nach zuletzt 15 Jahren in der internationalen Arbeit wollte ich ins nationale „Geschäft“ zurück. Das kann man in einem Landesverband – nach meiner Meinung – besser, d.h. wirkmächtiger umsetzen als im Generalsekretariat. Ich durfte viele Jahre erleben, welche Bedeutung das Rote Kreuz in der Welt hat. Diese Bedeutung will ich auch hier im Landesverband erhalten oder noch weiter herausarbeiten. Das schafft man aber nur durch die praktische Arbeit in und für die Region.
Ich denke auch, dass wir stärker unsere im DRK-Gesetz festgelegte Rolle als „freiwillige Hilfsgesellschaft der deutschen Behörden im humanitären Bereich“ konkreter ausdefinieren und dann auch wahrnehmen sollten. Hier müssen wir stärker mit der Landesregierung in den Austausch gehen und auch die kommunale Ebene mitnehmen. Denn diese Rolle und das sich daraus ergebende Mandat gilt ja nicht nur im Hinblick auf die Zusammenarbeit auf der Grundlage der Genfer Konventionen, d.h. im weiteren Sinne des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes, sondern ebenso auch im Feld der Wohlfahrts- und Sozialarbeit.
Als DRK haben wir dieses Zusammenspiel all unserer Fähigkeiten zuletzt während der Coronapandemie erfolgreich demonstriert und hier sehe ich auch bezüglich aktueller und zukünftiger Herausforderungen und Bedrohungslagen großes Potenzial für eine engere Zusammenarbeit mit dem Land Brandenburg.
HAS: Und welche Rolle haben dabei die Kreisverbände in unserem Land?
CH: Das ist recht einfach. Denn der Landesverband ist die Gemeinsamkeit der Kreisverbände. Nur gemeinsam sind wir das DRK in Brandenburg. Deshalb besuche ich derzeit alle Kreisverbände persönlich. Mich interessiert, wie vor Ort gearbeitet wird und welche Erfahrungen und Lösungsansätze es gibt. Gerade die Vielfalt unserer Kreisverbände ist eine große Stärke. Unterschiedliche Wege führen oft zum gleichen Ziel.
Die Aufgabe des Landesverbands ist es, diese Erfahrungen zusammenzuführen, den Austausch zu fördern und gemeinsame Lösungen sichtbar zu machen. Dabei verstehen wir uns als verlässlicher Partner und ehrlicher Makler. So können wir voneinander lernen und unsere Kräfte dort bündeln, wo es sinnvoll ist.
HAS: Und wie passt in dieses Bild das Ehrenamt hinein?
CH: Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich aus dem Ehrenamt komme. Und ich habe die Stärke des Ehrenamts in meiner hauptberuflichen Tätigkeit für das DRK praktisch erlebt in der Auslandsarbeit. In fast allen Rotkreuz-/Rothalbmond-Gesellschaften überwiegt die Freiwilligen-/Ehrenamtsarbeit bei der Umsetzung der Rotkreuz-Idee in die Praxis. Es sind immer die Ehrenamtlichen, die den Erfolg des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds garantieren, die die letzte Meile der Hilfskette realisieren. Das ist die ideelle Basis. Deshalb: In der Krise ist das Rote Kreuz nur so stark, wie die freiwillige Hilfe von einer großen Zustimmung und Unterstützung aus allen Schichten der Bevölkerung getragen wird. Das ist entscheidend. Daraus folgt auch für uns hier in Deutschland: Das Ehrenamt ist nicht wegzudenken. Ob unsere Strukturen da immer die beste Form haben, ist nicht so wichtig, wie das Vorhandensein. Und auch eine Arbeit mit Reibungen zwischen Haupt- und Ehrenamt ist nicht so problematisch, solange wir gegenseitig Respekt und Achtung voreinander haben.
Wir hatten jetzt gerade eine dreitägige Klausurtagung mit den Vorsitzenden und Geschäftsführungen der 16 Kreisverbände im DRK-Landesverband Brandenburg, wo es auch um das Thema der Zusammenarbeit mit dem Ehrenamt ging. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass sich die drei Landesleiter der Bereitschaft, der Wasserwacht und des Jugendrotkreuzes die Zeit nehmen konnten und dabei waren. Das war ein guter Diskussionsbeginn, der bereits gute Ideen gebracht hat für die zukünftige Arbeit. Natürlich sind die oftmals langen Ausbildungszeiten ein Problem, wie auch die Fragen der Finanzierung nicht einfach anzugehen. Aber wir brauchen ein flächendeckendes ehrenamtliches Engagement in Brandenburg – und müssen trotz sinkender öffentlicher Zuschüsse dieses gewährleisten. Dazu müssen wir auch im Vorgriff auf Krisenzeiten Menschen mit unterschiedlichen Engagementformen zulassen.
HAS: Was sind die großen Aufgaben für 2026 und die folgenden Jahre?
CH: Die großen Aufgaben im Verband kommen von außen und müssen von uns gemeistert werden, wie die Sozialstaatsreform, die wir gerade erleben, aber auch Digitalität, KI usw. Dazu müssen wir sicherlich die Effizienz bei uns stärken und die Stärken für möglichst alle wirksam machen sowie die Kooperation zwischen den Kreisverbänden weiter ausbauen. Wir müssen neue Ressourcen für das Ehrenamt und das Hauptamt suchen, müssen neue Bedarfslagen erkennen und darauf Antworten finden, um „den Verletzlichsten nach dem Maß der Not“ helfen zu können.
Ein steigendes Thema ist die Verrohung in der Gesellschaft. Ich komme gerade von einem Termin in der Rettungswache in Teltow, wo ein Landtagsabgeordneter ein Tagespraktikum auf der Wache absolvieren will. Der Schutz unserer Helfer vor Aggressionen Dritter ist dort ein praktisches Thema. Da ist aber nicht nur Eigenschutz gefordert, sondern auch die Aufgabe an uns als Verband: Wie kann wieder deutlich gemacht werden, dass das Rote Kreuz ein Helfer ist und von niemandem angegriffen werden darf? Auch wir müssen in unsere eigenen Köpfe hineinbekommen, dass wir die Helfenden schlechthin sind. Deshalb muss ich mich selbst aber auch als Rotkreuzler immer und überall zu erkennen geben und das auch leben. Wenn ich selbst kein gutes Gefühl habe, dass ich im Roten Kreuz bin, wie kann ich dann erwarten, dass es andere als sinnvoll ansehen, dort mitzumachen oder diese gute Sache zu unterstützen.
HAS: Wie lebt Christian Hörl privat – hat er nun in der neuen Position weniger Privatleben als früher?
CH: Natürlich ist im Moment mehr Zeit nötig, um in der neuen Aufgabe anzukommen. Aber ich hatte auch früher viel „ungeordnete Arbeitszeit“. Doch im Moment ist es tatsächlich stark ungeordnet: Abendtelefonate oder Unterlagenstudium, und dann Wochenenden mit Tagungen und Einsatzbesuchen usw. Das ist nicht immer einfach für meine Frau und meine drei Jungens – und für mich, da ich mich ja nicht aus dem normalen familiären Tagesorganisationswahnsinn ausklinken kann. Das verlangt von jedem ein großes Maß an Verständnis, Mitdenken und Rücksichtnahme.
Und mir ist meine Familie wichtig. Meine Kinder sind alle gesund und aktiv – einer im Fußball, der andere im Tischtennis, beide auf Landesebene und der Dritte kommt nun in die Schule. Also alle mit eigenem Wirkungskreis, in den wir als Eltern uns einbringen müssen, als Elterntaxis, als mitreisende Zuschauer oder als Kümmerer bei Sorgen und Ängsten. Gott-sei-dank gibt da eine flexible Arbeitszeitgestaltung bei meiner Frau und bei mir einiges, das den möglichen Stress reduzieren hilft. Ich bin sehr dankbar, dass wir das gemeinsam tragen. Ohne die Unterstützung meiner Frau wäre das nicht möglich.
HAS: Und wie steht es um die Hobbies?
CH: Für eigentliche Hobbies habe ich im Moment wirklich kaum Zeit. Die Kinder und ihre Begleitung sind sicherlich das sichtbarste „Hobby“. Wie sagte mir mal ein Freund: Mit Eintritt ins Hauptamt hast du ja dein Hobby zum Beruf gemacht. Ein bisschen Wahrheit steckt da drin. Geblieben ist die Liebe zum Lesen. Englischsprachige Krimis sind dabei der Hauptstoff. Dadurch verlerne ich auch meine berufliche Zweitsprache nicht. Ja, ich war und bin immer Bücherliebhaber, d.h. Leser, gewesen. Auch haptisch. Wenn ich auch inzwischen über den Tolino zum elektronischen Buch gefunden habe, aus Platzgründen – und weil ich dann nachts im Bett noch lesen kann, ohne den Schlaf meiner Frau zu stören. Ich genieße und nutze sehr die Online-Ausleihe unserer Stadtbücherei Teltow. – Ich bin auch sehr stolz darauf, dass die Lesefreude auch auf meine Kinder abgefärbt zu haben scheint, wenn ich sehe, dass „mein Großer“ (13 Jahre) auch gelegentlich zur Zeitung greift, um sich dort zu seinen Themen zu informieren.
HAS: Herr Hörl, ich danke für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.