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Das Wichtigste ist die Menschlichkeit

Zur Eröffnung der diesjährigen historischen Ausstellung im Haus des Ehrenamts in Luckenwalde beim DRK-Kreisverband Fläming-Spreewald war die Vizepräsidentin der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Halbmond-Gesellschaften, Frau Annemarie Huber-Hotz, aus Genf, wo die Föderation ihren Sitz hat, angereist. Frau Huber-Hotz ist seit 2011 Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes und als solche auch Vizepräsidentin der Internationalen Föderation. Ihr gehören 191 nationale Gesellschaften des Roten Kreuzes oder des Roten Halbmonds an. Die Organisation feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Zu diesem Jubiläum richtet das Rotkreuz-Museum in Luckenwalde eine Ausstellung aus, die bis zum 4. September zu sehen sein wird.

Frau Huber-Hotz traf bei dieser Gelegenheit auch mit DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt zusammen, die ebenfalls zur Ausstellungseröffnung in Luckenwalde gekommen war. Sie lobte die wichtige Geschichtsarbeit, die mit dieser Ausstellung und vor allem auch mit dem Rotkreuz-Museum betrieben werde, und dankte Rainer Schlösser für seine Aktivität.

Frau Huber-Hotz hatte ihre Ausführungen unter das Thema „Menschlichkeit – was ist das?“ gestellt und hinterfragte den Rotkreuz-Grundsatz der Menschlichkeit. Sie begann ihre Festrede mit einer kleinen Provokation, nämlich mit dem Nietzsche-Zitat „Wir halten die Tiere nicht für moralisch. Aber meint ihr denn, dass die Tiere uns für moralisch halten? Ein Tier, welches reden konnte, sagte: ‚Menschlichkeit ist ein Vorurteil, an dem wenigstens wir Tiere nicht leiden.’“ Aber sie kam bald zu der Erkenntnis, dass Menschlichkeit etwas Wertvolles sei. Auch dazu hatte sie ein passendes Zitat parat, und zwar eines der Baseler Philosophin Annemarie Pieper, die sagt „Unserem Menschsein schreiben wir aus moralischer Perspektive einen Wert, eine Würde zu. Wer diese Würde verletzt, verstößt gegen das Menschliche in seiner eigenen Person und disqualifiziert sich selbst. Menschlichkeit bedeutet immer zugleich Mitmenschlichkeit.“

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Henry Dunant sei – erinnerte Frau Huber-Hotz die Anwesenden – sicherlich durch seine christliche Erziehung, durch die er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter kannte, dazu erzogen worden, sich so zu verhalten, wie er es in Solferino getan hatte. Sie unterstrich, dass dies keineswegs spezifisch christlich sei, sondern auch in anderen Kulturen und Religionen angesprochen werde, z.B. im Koran in der zweiten Sure: „Nicht besteht die Frömmigkeit darin, dass ihr eure Angesichter gen Westen oder Osten kehret; vielmehr ist fromm [...], wer sein Geld aus Liebe zu ihm [Allah] ausgibt für seine Angehörigen und die Waisen und die Armen und den Sohn des Weges und die Bettler und die Gefangenen.“ Menschlichkeit sei also nicht nur etwas Wertvolles an sich, sondern sie setze bei der Anteilnahme am Schicksal des Mitmenschen an. Die Freiwilligkeit und Uneigennützigkeit sind eng mit dem Grundsatz der Menschlichkeit verknüpft, und die Rotkreuzler dürfen stolz darauf sein, dass weltweit rund 17 Millionen Freiwillige für das Rote Kreuz und damit für die Menschlichkeit im Einsatz sind. Menschlichkeit erkennt auch an, dass Menschen verschieden sind. Sie verpflichtet den Rotkreuzler, alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ethnischen Zugehörigkeit, Geschlecht oder Geisteshaltung in ihrer je eigenen Würde anzuerkennen und ihnen mit Achtung und Respekt zu begegnen. Die Festrednerin bekannte, dass dieses nicht einfach ist. Auch sie erkenne, dass in den letzten Jahren politische Kräfte Unsicherheiten im Umgang mit fremden Menschen immer schamloser für ihre eigenen politischen Ziele ausnutzten. Sie stellten das Eigene über das Andere (und Frau Huber-Hotz zitierte ausdrücklich „America first“), gewichteten den eigenen Lebenskreis wertvoller als andere Lebenswelten und bauten Grenzzäune statt Brücken. Das führe aber zu Unmenschlichkeit und dann zu Gewalt und Konflikten. Deshalb sei Menschlichkeit auch eng mit den Menschenrechten verknüpft, ja, sie begründe die Menschenrechte als Freiheitsrechte. Deshalb müsse, wer menschlich handeln wolle, dem Anderen immer ein Selbstbestimmungsrecht zugestehen. Denn Selbstbestimmung sei nicht nur ein Recht, sondern als Selbstverantwortung auch die moralische Anforderung, für sich und seine Lebenswelt Verantwortung zu übernehmen. Menschlichkeit beruhe deshalb schließlich auch auf der Anerkennung der wechselseitigen Abhängigkeiten von Menschen. Eine so verstandene Menschlichkeit verlange nach ihrer Meinung deshalb von jedem auch Bescheidenheit. Denn niemand sei im Besitz der ausschließlichen Wahrheit, was einem immer bewusst sein müsse. Ihre Schlussfolgerung war deshalb: „Menschlichkeit ist etwas Wertvolles für uns als Mensch, weil sie im Interesse und in dem Bedürfnis eines jeden Menschen liegt und damit gleichermaßen für alle gut ist. Setzen wir uns als Angehörige des Roten Kreuzes und darüber hinaus dafür ein, dass jeder Mensch als gleichwertig geachtet wird und als Mensch, der das Recht hat, von seiner Freiheit selbstverständlich Gebrauch zu machen. Und setzen wir uns weiterhin dafür ein, das Leben von Menschen zu verbessern, auch wenn wir wissen, dass wir den Kampf für eine friedliche Welt, für eine Welt ohne Not und Gewalt nie gewinnen werden.“

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Der sich anschließende lang anhaltende Applaus zeigte der Vizepräsidentin der Internationalen Föderation, dass ihre Worte angekommen waren.

Im Anschluss erläuterte der Rotkreuz-Museumsleiter Rainer Schlösser, was er zu diesem 100. Geburtstag der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften hier in Luckenwalde zusammengetragen und ausgestellt hat. Fast alle Ausstellungsstücke stammen aus dem eigenen Museumsdepot. Zu den Leihgaben gehört das Telegramm, das der Föderationspräsident 1952 an das Präsidium des DRK der DDR geschickt hat, um ihm mitzuteilen, dass seine Organisation nun Mitglied der Föderation sei. Auf dem Telegramm sieht man, dass diese Rotkreuz-Weltorganisation damals noch Liga der Rotkreuz-Gesellschaften hieß, denn der heutige Name Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften wurde erst 1991 eingeführt. Auch dem Gründer und ersten Präsidenten der Organisation, dem amerikanischen Bankier Henry P. Davison ist eine Vitrine gewidmet. Auch erklärt die Ausstellung dem interessierten Besucher, dass die Föderation eine ältere Schwester hat, nämlich das bereits 1863 gegründete Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Beide Weltorganisationen des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds haben ihren Sitz in Genf. Ihre Aufgabenteilung besteht im Wesentlichen darin, dass das IKRK in bewaffneten Konfliktgebieten Rotkreuz-Arbeit leistet und die Einhaltung der Genfer Abkommen überwacht, während die Föderation ausschließlich im Katastropheneinsatz in der Welt unterwegs ist. Damit haben beide Weltgesellschaften genug zu tun.

Anschließend lud Kreispräsident Dietmar Bacher alle Rotkreuzler und Gäste zur Diskussion und zum Meinungsaustausch bei einem Imbiss und erfrischenden Getränken ein, die. bei den sommerlichen Temperaturen sehr willkommen waren.

© DRK Kreisverband Fläming-Spreewald e.V.